LESEPROBE
Prolog
Der Regen fiel in perfekten Linien. 71 Stundenkilometer, dachte Rodney, während er auf dem Geländer der Brücke balancierte. Terminalgeschwindigkeit für Wassertropfen dieser Größe. Physik lügt nicht.
Unter ihm gähnte die Dunkelheit. Zwanzig Meter bis zum Fluss. Bei seinem Gewicht von dreiundachtzig Kilogramm würde der Aufprall etwa 1,8 Sekunden dauern. Genug Zeit für einen letzten Gedanken. Vielleicht sogar zwei, wenn er sich beeilte.
Beenden. Strg+Alt+Entf. System herunterfahren.
Seine Finger – lang, knochig, die Finger eines Mannes, der sein Leben vor Bildschirmen verbracht hatte – umklammerten das nasse Metall. Der Rost fühlte sich rau an. Echt. Das war mehr, als er von allem anderen in den letzten Jahren behaupten konnte.
»Das ist ein interessanter Ort zum Nachdenken.«
Rodney zuckte zusammen. Fast wäre er gefallen – nicht absichtlich, nur aus Reflex. Er drehte den Kopf.
Sie stand drei Meter entfernt auf der Brücke. Eine Frau, vielleicht dreißig, vielleicht älter. Ihr Gesicht war schwer zu lesen – wie eine Gleichung mit zu vielen Variablen. Schwarzes Haar, das trotz des Regens trocken zu sein schien. Augen, die im schwachen Licht der Straßenlaternen unnatürlich leuchteten. Grün? Nein, eher wie...
Wie das Leuchten eines Bildschirms im Dunkeln.
»Wer sind Sie?«, fragte Rodney. Seine Stimme klang fremder als erwartet. Wie lange hatte er nicht mehr gesprochen? Tage? Wochen?
»Moira.« Sie lächelte. Es war kein freundliches Lächeln, aber auch kein unfreundliches. Es war das Lächeln von jemandem, der einen Witz verstand, den sonst niemand hörte. »Und du bist Rodney Voss. IT-Sicherheitsanalyst. Dreiundvierzig Jahre alt. Mutter vor sieben Monaten an Krebs gestorben.« Sie legte den Kopf schief. »Der einzige Mensch, der dich noch kannte.«
• • •
Rodney spürte, wie sich seine Finger fester um das Geländer schlossen. Sicherheitslücke erkannt. Unbekannte Variable im System.
»Woher wissen Sie das?«
»Ich weiß vieles.« Moira trat näher. Der Regen schien um sie herumzufallen, als existiere ein unsichtbarer Schild über ihrem Kopf. »Ich weiß, dass du seit drei Jahren nicht mehr schläfst. Dass du jeden Morgen um 4:47 Uhr aufwachst und an die Decke starrst. Dass du den Kaffee nicht mehr schmeckst und das Essen nicht mehr riechst und die Musik nicht mehr hörst.«
Sie stand jetzt direkt vor ihm. Ihre Augen – diese unmöglichen Augen – blickten in seine.
»Ich weiß, dass du denkst, dein Source-Code sei korrumpiert. Dass kein Patch mehr helfen wird. Dass der einzige Ausweg ein harter Reset ist.«
Rodney schluckte. »Das sind ... das sind Metaphern. Ich bin Programmierer. Ich denke so.«
»Ich weiß.« Ein Lächeln, das älter war als die Brücke, älter als die Stadt, älter als alles, was Rodney jemals gesehen hatte. »Deshalb bin ich hier.«